Unser Partnerschule in Bolivien: La Kusikuna
Die ökologische gemischte Dorfschule besteht nun seit 12 Jahren. Von 1996 bis 2000 nannte sie sich La Floresta. Seit dem Jahr 2001 setzt sie unter dem neuen Namen Comunidad Ecoactiva Kusikuna im Dorf Tiquipaya (14 km von Cochabamba entfernt, in den Bergen gelegen) ihre pädagogischen Bemühungen fort. Die Schule versteht sich als „gemischte Dorfschule“, was sich darin begründet, dass ihre Schüler aus verschiedenen sozialen Schichten und Kulturen stammen. Diese soziale Mischung unter Schülern ist in Bolivien eine Seltenheit. So setzt sich die Schülerschaft aus 25% Kindern der comunidad campesina (Bauern), 45% Kindern des Dorfes Tiquipaya und benachbarter Gemeinden, 25% Kindern der Stadt Cochabamba und 5% Kindern von Ausländern zusammen. Dies ist nicht nur eine multikulturelle Gemeinschaft von Schülern und Lehrpersonal (stammend aus Bolivien, Argentinien, El Salvador und Deutschland), sondern auch eine Gemeinschaft der verschiedenen sozialen Schichten Boliviens wie z.B. Arbeitslosen, Putzfrauen, Arbeitern, Kleinbauern, Angestellten, Lehrern, Akademikern und Handwerkern.
Die Bezeichnung „ecoactiva“ bezieht sich auf den ökologischen Ansatz, der von den Schülern im Laufe der Jahre völlig integriert werden konnte. Das ökologische Denken und Handeln ist in der ländlichen Bevölkerung zum Teil noch natürlich gegeben und findet seine Bereicherung durch Impulse moderner ökologischer Erkenntnisse. In ihren Investigationen haben die Schülern der Oberstufe häufig die Umweltproblematik zum Thema ihrer Untersuchungen gemacht (KáraKára, die Müllhalde von Cochabamba; die Verseuchung des Sees Lago Poopo; die Anwendung von Pestiziden in der Landwirtschaft; Alternative Energien; und andere ökologische Themen). Auch in ihrem jährlichen Praktikumsmonat wählen die Schülern oft ökologische Erfahrungen.
Im Kindergarten und in der Grundschule entwickelt sich ökologisches Denken und Handeln durch die praktische Anwendung. So haben auch schon die Kleinsten ihre Gärten, und die Imkerei wird zum Beispiel schon vom Kindergarten an erlernt.
Einige Eindrücke
Finanzielle Situation
Wie schon bemerkt, gibt es sozial gemischte Schulen in Bolivien bisher nicht. Es gibt die teuren Privatschulen für die Ober- und gehobene Mittelklasse, Privatschulen niedrigerer Kategorie und die Staatlichen Schulen für die minderbemittelte oder arme Bevölkerung d.h., die gesamte Schülerschaft wird in arm und reich getrennt, Vorurteile und soziale Unterschiede bleiben erhalten. Diese Trennung der Klassen ist in der Kusikuna aufgehoben und die Gemeinschaft wird nicht nur von den Schülen als positiv erlebt sondern auch von den Eltern geschätzt.
Eine finanzielle Hilfe ist nicht gegeben denn die existierenden Hilfsorganisationen haben sich der Erziehung im ländlichen Bereich, derer von Straßenkindern oder der Erwachsenenbildung verschrieben. So ist die Schule auf kleinere finanzielle Hilfen angewiesen z.B. für Möbel und didaktisches Material. Die Gehälter für die Lehrer (Bs 780 = $ 130) müssen von den Eltern erbracht werden, wobei ein ausgleichendes Verfahren zur Anwendung kommt d.h. manche Eltern zahlen einen höheren Beitrag als die festgelegten Bs. 130 (= € 20) monatlich und die Differenz wird minderbemittelten Eltern übertragen. Dieses soziale Verfahren reicht nicht aus um allen Eltern zu helfen, die den Schulbeitrag nicht erbringen können, weshalb auch die Idee von Patenschaften oder Teilpatenschaften aufgegriffen wurde d.h., eine außenstehende Person kann eine Teil- oder ganze Patenschaft für ein Schulkind übernehmen.
Pädagogisches Modell
Die Schule umfasst den Kindergarten (4-6 Jahre), die Grundschule (1.-5. Klasse), die Hauptschule (6.-8. Klasse) und die vier Klassen der Oberstufe bis zum Abitur. Bis zum Ende unseres 5. Schuljahres sind wir als Pilotschule innerhalb der Staatlichen Schulen Boliviens registriert, sind den Regeln des Schulamtes untergeordnet, haben jedoch einige Freiräume. Im weiterführenden Bereich sind wir als „autonome“ Schule registriert und gelten gegenüber dem Erziehungsministerium als Privatschule.
Unsere Pädagogik zielt auf die uneingeschränkte Entwicklung der Kreativität und aller Fähigkeiten des Kindes, da wir ausgehen, dass es nur so auf die Anforderungen des Lebens vorbereitet ist. So glauben wir, dass die Realität des Lebens in die Schule gelangen muss, ebenso wie die Schüler nach Außen in die Realität gehen müssen in ihrem Lernprozess. Es ist unser Bestreben, das Leben und die Lebenserfahrungen der Kinder und Jugendlichen als Hauptquelle ihrer Lernprozesse zu betrachten.
Ökologisches Bewusstsein ist keine Lehrtechnik und auch keine besondere Form der Naturbetrachtung und auch nicht nur ein Teil unseres Bewusstseins, sondern eine Lebenseinstellung. Das ökologische Bewusstsein akzeptiert die Ganzheitlichkeit allen Lebens, von einer Mikrobe bis zum ganzen Universum: wenn alles Leben ist, ist alles miteinander verbunden und vernetzt. Es ist ein Selbstfindungsprozess in dem wir alles Lebendige lernen und mit ihm wachsen.
Das pädagogische Modell ist das einer Aktivschule, d.h., die Protagonisten sind die Schüler und Lehrinhalte werden hauptsächlich über Projekte, Feldarbeit, Dramatisierung, also konkretem Erfahren und Anwenden vermittelt. So können die Kinder zum Thema „Alternative Energien“ einen Solarherd konstruieren, mit diesem Gerichte zubereiten und so Ökologie, Nahrungsmittellehre und Rechnen aktiv miteinander verbinden. „Der Staat und seine Verfassung“ wird nicht nur in der Theorie gelernt, vielmehr bilden die Schüler einen kleinen Staat innerhalb der Schule und lernen so spielend und praktizierend seinen Aufbau und Funktionen. In diesen Projekten wird nicht nur aktiv „ausübend“ gelernt, es ergibt sich daraus automatisch eine Vernetzung der Lehrinhalte.
Das vorgenannte pädagogische Modell verlangt von den Lehrern ein äußerst aktives Begleiten der Schülern in ihrem Lernprozess. Da das Lehren sich nicht auf das Vermitteln von Allgemein- oder Fachwissen beschränkt, müssen die Lehrern bereits sein, mit den Schülern „mitzulernen“. Dies beinhaltet einen viel größeren Aufwand an Vorbereitung. Trotz diesem Mehraufwand ist das Lehrpersonal mit großer Freude im Projekt und betrachtet es als einen gemeinsamen Wachstumsprozess.
Alle Kinder und Jugendlichen arbeiten und lernen in ihrem eigenen Rhythmus. So finden auch keine Prüfungen oder Proben statt; die Benotung bzw. Beurteilung ihres Lernprozesses findet kontinuierlich statt. An dem Beurteilungsprozess nehmen die Kinder/Jugendlichen selbst teil.

Im Kindergarten und in der Grundschule lernen die Kinder mit selbst geschaffenem Montessori Material, weil das Lernen durch be-GREIFEN, FÜHLEN und MANIPULIEREN sprich, dem sinnlichen Erfahren als wichtiger Faktor zum profunden Lernen betrachtet wird. Weitere pädagogische Elemente sind den Schulen Freinet, Warisata, Freire entnommen, als auch unserer Partnerschule, der Pestalozzi-Schule „La Pesta“ in Tumbaco, Ecuador.
Wir empfehlen Ihnen hierbei die Lektüre der beiden in Deutschland vielfach aufgelegten Werke von Rebecca Wild, Gründerin der Pesta -Schule in Ecuador: „Sein zum Erziehen“ und „Erziehen zum Sein“ (Arbor Verlag Valentin).
